„AK für Sie“: Die meisten Lehrstellen werden von gerade einmal drei Branchen angeboten…

„AK für Sie“: Die meisten Lehrstellen werden von gerade einmal drei Branchen angeboten…

Lehrlingsbox

Die Mitgliederzeitschrift der Arbeiterkammer Wien „AK für Sie“ enthält immer wieder spannende Themen und Artikel rund um den Arbeitsmarkt oder den Bereich Konsumentenschutz. Eine tolle Sache. Die Ausgabe 10/2018 veröffentlicht als  Titelgeschichte einen Beitrag zur Lehre und zur Lehrstellensuche. Der Titel ist Programm: „Eine gute Lehrstelle muss sein…“ Der Titel ist  ein Wunsch, dem sich alle Leser*innen anschließen können. Anhand von verschiedenen Lehrlingen in unterschiedlichen Lehrverhältnissen werden einige  Themen rund um die Lehre vorgestellt: Die ÖBB als großer Lehrlingsausbilder, mehr Mädchen in die Techniklehre usw. Letzteres wird durch Aktionen wie den „Girl‘s Day“ oder das „Frauen In Technik“-Programm des AMS gefördert. Allerdings würden wir von der LEHRLINGSBOX nicht unbedingt von einem neuen Trend sprechen. Bei unserer letzten großen Auswahl gab es im Bereich Installations- und Gebäudetechnik keine einzige weibliche Lehrstellensuchende.

HTL sehr gefragt

Indirekt gibt der Artikel zu, dass eine HTL-Ausbildung wesentlich gefragter und nachgefragter sei als eine Lehre. Viele junge  Menschen besuchen eine HTL, schaffen es jedoch nicht über das erste oder zweite Jahr hinaus. Dann kommt meist die Lehre ins Spiel. Bemerkenswert ist die Ehrlichkeit des Artikels: „Wenn alle Stricke reißen, hilft eine überbetriebliche Ausbildung.“ Die Autoren Peter Mitterhuber und Markus Mittermüller sind äußerst bemüht, alle Fachausbildungsangebote sehr positiv zu beschreiben und (in)direkt Werbung für die duale Ausbildung / Lehre zu machen. Dabei betonen Sie auch die Wichtigkeit einer entsprechenden beruflichen Orientierung.

Der Hintergrund des Artikels

Natürlich hat der Artikel einen (Hinter)Grund. Die Mobilitätsdebatte, nach der Lehrlinge etwa von Wien nach Tirol ziehen sollen, um einen Lehrberuf zu lernen, stößt der Arbeiterkammer genauso sauer auf, wie die Tatsache, dass die Bundesregierung im Bereich der so genannten überbetrieblichen Lehre spart oder weiter sparen möchte. Die ÜBA ist allerdings ein wichtiger Faktor, wenn es um die Vermeidung von Jugendarbeitslosigkeit geht.

Nicht alles ist aus Gold, was glänzt

Der Spruch stammt von meiner Großmutter, trifft aber auch auf den Artikel von Mitterhuber und Mittermüller zu. Die überbetriebliche Lehre ist jene „Branche“ – wenn Sie so wollen – mit der höchsten Abbruchquote und den meisten negativen LAP. Außerdem ist die Arbeitsmarktintegration von Menschen mit einem ÜBA-Lehrabschluss schwieriger. Das sage nicht nur ich, sondern auch Auftraggeber*innen und Unternehmen, die bei ÜBA-Lehrlingen meist zusätzlich ein bis zwei Jahre Praxis verlangen. Das sagen aber auch Studien:  „Es zeigt sich (…) , dass es für die betroffenen Personen nach dem Abschluss einer Überbetrieblichen Lehrausbildung – trotz gesetzlich gleichwertigem Abschluss (und Absolvierung der gleichen Lehrabschlussprüfung) – zu einer erschwerten Arbeitsmarktintegration kommt.“ Zu diesem Schluss kommt Verena Öllinger in ihrer Masterarbeit über die Arbeitsmarktintegration von Menschen mit einem ÜBA-Abschluss.

Wenig Auswahl

Die Autoren schreiben, dass es in Wien zu wenig Auswahl bei den Lehrstellen gäbe und dass sich das Lehrstellenangebot im Wesentlichen auf drei „Branchen“ reduzieren würde. Die Top 3 bestehen aus „Friseure, Kosmetik, Fußpflege“ mit 21 Prozent, „Tourismus“ mit 17 Prozent und „Sonstige Berufe“ mit 20 Prozent. Addiert man diese drei Branchen entsteht tatsächlich der Eindruck, dass 58 Prozent der Lehrstellen auf drei Branchen reduziert sind. Dass „Frisör*innen“ und „Tourismus“ die meisten Lehrstellen anbieten und eigentlich kaum Nachwuchs finden, ist ein altes Lied – und wohl zum Teil den Arbeitsbedingungen und / oder den beruflichen Perspektiven geschuldet. Der dritte Sektor ist allerdings weitreichender, umfasst er doch „andere technische Berufe, Drogist*innen, Rauchfangkehrer*innen, Nahrungsmittelherstellung usw.“ Mit anderen Worten ein großes Set an Berufen. Die Vermutung liegt also nahe, dass gut ein Drittel der offenen Lehrstellen (38 Prozent) sich auf „Tourismus“ und „kosmetische Berufe“ aufteilen, die übrigen 62 Prozent jedoch breiter gefächert sind.

Check die Zahlen!

Die Kategorie „Sonstige“ ist ein Grund sich die Zahl der offenen Lehrstellen in Wien genauer anzusehen. Ich beziehe mich dabei auf die Daten aus dem BALI-System des Sozialministeriums. Diesen Zahlen ergeben, dass im September 2018 577 Lehrstellen in Wien verfügbar waren. Friseure und Fremdenverkehr gehören zwar zu den Top3 – der Handel ist jedoch mit 141 – Top 1 -also nichts mit „Sonstige“… Hier noch einmal die Aufstellung im Überblick.

Offene Lehrstellen: Bestand – September 2018

Bundesland Berufsobergruppen Bestand
Wien Land- und Forstarbeiter 6
Wien Steine – Erden 1
Wien Bau 17
Wien Metall-Elektroberufe 47
Wien Holz 1
Wien Bekleidung 1
Wien Papier 1
Wien Grafik 1
Wien Chemie 1
Wien Nahrung 8
Wien Handel 141
Wien Verkehr 3
Wien Fremdenverkehr 133
Wien Reinigung 9
Wien Friseure 118
Wien Techniker 8
Wien Wirtsch.B/Jurist 1
Wien Büroberufe 36
Wien Gesundheit 38
Wien Lehr-/Kulturberufe 6
BaliWeb – erstellt 26.10.2018 09:06:14 577

Handel, Friseure und Fremdenverkehr machen zusammen 382 Lehrstellen aus. Das sind also 66 Prozent der offenen Lehrstellen im September. Mit anderen Worten: Das Angebot ist noch reduzierter als es der Artikel darstellen will. 66 Prozent der angebotenen Lehrstellen verteilen sich auf Handel, Kosmetik und Fremdenverkehr (zumindest im September 2018).

Die Forderung nach einem diversifizierten Angebot an Lehrstellen ist daher nicht nur verständlich, sondern auch richtig und wichtig. Nur hilft diese Forderung wenig, wenn es um die tatsächliche und konkrete Lehrstelle geht. Insofern sind Berufsorientierungstipps, die auf den vermeintlichen Interessen der Jugendlichen aufbauen, eine tolle Sache – der Faktor Verfügbarkeit von Lehrangeboten sollte allerdings auch berücksichtigt werden.  Hier ist Berufsorientierung ein wichtiges Thema: Verantwortliche müssen auch auf weniger bekannte und populäre Branchen hinweisen. Ein Trend ist ebenso deutlich: Wien entwickelt sich immer mehr zu einem Dienstleistungssektor. Der Umkehrschluss: Jugendliche, die nicht in diesem Bereich ausgebildet werden wollen, werden Schwierigkeiten haben, eine Lehrstelle zu finden. Ich habe es schon einmal gesagt, aber es kann nicht oft genug betont werden. Es ist wichtig Lehrlinge auch auf Nischenberufe hinzuweisen. Es ist in der Tat keine Schande, seine Berufswahl strategisch anzulegen und zu schauen, wo man eher eine Lehrstelle bekommt. Allerdings ist es dann auch sinnvoll einen Plan B zu haben, wohin die Reise nach dem Lehrabschluss geht. Eine weitreichende Berufsplanung ist daher nicht ganz unwichtig und sollte nicht dem Zufall überlassen werden.


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